Über Ramsch, Wertschöpfung und warum der klassische Einzelhandel in Zukunft kaum noch gebraucht wird

Lebensmittelhändler wie Lidl geben Projekte im Onlinehandel auf, weil sie nicht das einbringen, was man sich erhofft hat und zumindest in den Anfangsjahren kluger Ideen, großer Investitionen und eines langen Atems bedürfen. Ich erinnere mich daran, wie gerne Investoren genau diesen Punkt viele Jahre lang an Amazon kritisierten.

Aber der Handel mit frischen Lebensmitteln ist z. B. bei mir auf dem Land längst angekommen: Ich kann mir Getränke, Obst und Gemüse, Brot und frische Eier liefern lassen — alles von ortsansässigen Unternehmen, die ihre eigene Logistik betreiben und die Produkte größtenteils sogar selbst produzieren. Eine Kochbox-Idee seitens meiner Biokiste würde ich wahrscheinlich sogar annehmen. Und vermutlich ist es entweder profitabel genug, oder aber sie haben genau den langen Atem und die klugen Ideen, die Lidl & Co. fehlen. Oder vielleicht ist der Direktvertrieb vom Erzeuger sowohl preisgünstiger als auch nachhaltiger und sinnvoller, und große Supermarktketten, die ja eigentlich nur Zwischenhändler sind, haben tatsächlich langsam ausgedient.

Fakt ist natürlich, dass gerade die Supermarktketten sich nicht über gute Geschäfte beklagen können — nur ist und bleibt es eben ein klassisches stationäres Geschäft. Das wandelt sich jedoch. In einer neuen Studie, die vom Onlinemagazin e-tailment zitiert wird, heisst es:

Wir befinden uns am Anfang einer Transformationsphase, die zur „Entortung“ des Konsums führt.

 

Und e-tailment selbst fragt:

Wozu brauchen die Kunden künftig noch Lidl, wenn sie das Toilettenpapier auch direkt von Zewa bekommen können?

 

Warenüberfluss ist ein Problem, mit dem ich mich schon seit einiger Zeit gedanklich auseinander setze. Angesichts von Aufräum- und Entrümpelungs-Projekten, die immer beliebter werden, zeigt sich doch, wie übersättigt die meisten von uns sind und wir uns nach mehr Einfachheit, Qualität und Nachhaltigkeit sehnen.

e-tailment sagt:

Wenn der US-amerikanische Lebensmittelhersteller Kraft dieser Tage seine Milliarden-Verluste damit begründete, dass die Kunden neuerdings lieber gesundes Essen essen, dann darf man sich erstens fragen, warum den Kunden das jetzt erst einfällt, und zweitens, was ihnen dann bisher von Kraft verkauft wurde.

 

Anders ausgedrückt: Kunden möchten zwar bequem (z. B. online) einkaufen, sie möchten aber auch mehr auf Qualität setzen („weniger ist mehr“). Und diese kommt eben doch oft direkt vom Erzeuger, weil Zwischenhändler meist nicht genügend Wertschöpfung auf dem Weg zum Kunden betreiben. Dafür sind Marktplätze wie Amazon essentiell: Eine Infrastruktur, die es Erzeugern ermöglicht, Kunden schnell und überall zu erreichen.

Die GDI-Studie propagiert eine „Verschiebung vom Besitzen zum Nutzen“. Wie könnte ein solcher Nutzen auf heutigen Online-Marktplätzen aussehen? Amazon als Tauschbörse? Als Verleih-Börse? Als Marktplatz, der mir als Kundin eine Filterung nach geografisch nahe gelegenen Produzenten und Händlern ermöglicht? Das wäre doch mal was.

 

WP Twitter Auto Publish Powered By : XYZScripts.com